40 Tage mit dem Lastenrad in Stuttgart

Während manche Leute Fleisch, Nikotin, Süßigkeiten oder Alkohol fasten, sind wir vor drei Jahren dazu übergegangen (nicht nur während der Fastenzeit) weitestgehend auf´s Autofahren zu verzichten. Umso besser, wenn sich als Alternative ein Lastenrad anbietet. Seit der Corona-Ausgangsbeschränkungen arbeiten wir im home-office. Einerseits entfällt das tägliche Pendeln, andererseits bleibt mehr Zeit für andere Projekte – wie z.B. das Einkaufen für die Nachbarn oder ein Hochbeet bauen. Darum sind wir sehr froh über die freundliche Leihgabe zweier Lastenräder für unseren Selbstversuch und zeigen im Artikel, was damit alles möglich ist!


Während der 40 Tage standen uns also zuerst das eine, dann das andere Lastenrad zur Verfügung. Wir fassen ganz praktischen Erfahrungen in mehreren kleinen Rubriken zusammen. Von allzu viel Text sehen wir dieses Mal ab. Vielmehr lassen wir die Bilder sprechen.


Alles rund ums Einkaufen

Hier fassen wir unsere sämtlichen Einkaufsfahrten zusammen, die wir mit dem Lastenrad unternommen haben. Mal eben zum Wochenmarkt, der wöchentliche Supermarktbesuch, zum Getränkehändler, zur regionalen Mühle, zum Baumarkt und zur Postfiliale bzw. zur Paketabholstelle.

Da unser geplanter Kurztrip nach Kopenhagen Ende März ausfiel, nutzten wir kurzerhand die Zeit und bauten zuhause ein Hochbeet. Ihr glaubt nicht, wie oft man innerhalb dieser Zeit zum Baumarkt muss. Ein Hochbeet verschluckt Unmengen an Pflanz-und Blumenerde und zum Schluß möchte ja auch noch was hinein gepflanzt werden. Im 5 km-Radius unserer Wohnung gibt es drei Baumärkte – ideal also um die Strecke mit dem Lastenrad zurückzulegen.

Wenn der Postmann gar nicht klingelt: Im April und Mai machten wir die Erfahrung, dass Pakete der Post in unserer Straße komplett nicht zugestellt wurden. Vielmehr erhielten wir eine Benachrichtigung, dass diese in der Großannahmestelle in Stuttgart-Nord zur Abholung bereit liegen. Nicht gerade ums Eck, denken wir. Google Maps berechnet für den einfachen Weg folgende Fahrzeiten:

a) mit dem Auto: 6,1 km I 25 Minuten
b) mit dem Fahrrad 2,3 km I 10 Minuten

Nach dieser Auskunft ist es sonnenklar, wie wir uns entscheiden. Wir schnappen uns unser Lastenrad und fahren genüsslich durch den Park, parken direkt vor dem Eingang und ernten dabei oft beneidenswerte Blicke nach dem Motto: “Ach, so könnte man sein Paket auch abholen!”


2. Nachbarschaftshilfe konkret

Den praktischen Nutzwert unseres Lastenrads lernen wir während der Corona-Zeit nochmals deutlicher kennen. Wir wohnen in einer Hausgemeinschaft mit fünf weiteren Parteien. Davon erledigen zwei die Einkäufe mit dem Auto, alle anderen nicht. Fahrradfahren ist altersbedingt auch keine Option, also wird der Einkauf geschleppt. Durch den Bau unseres Hochbeets wurde der Kontakt zu den Hausbewohnern und auch mit den anderen Nachbarn enger. Man sah sich tagsüber, viele Nachbarn waren ebenso mit Gartenarbeit beschäftigt und so kommt man ins Gespräch. Mit einem Lastenrad fällt man unweigerlich auf, vor allem wenn man 100 Liter Blumenerde und noch etwas Kleinkram geladen hat.

“Ich geh schnell zum Getränkehändler. Soll ich Euch was mitbringen? Einen Kasten Mineralwasser? Klar, kein Problem!”

Während der Corona-Zeit lernen wir Zustände kennen, die die meisten von uns so noch nicht erlebt haben. Genau, ich meine die Engpässe bei bestimmten Lebensmitteln und Hygieneartikeln. An dieser Stelle ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Wir backen schon seit Herbst 2019 das allermeiste Brot für den Eigenbedarf selbst. Und benötigen daher immer wieder mal nicht geringe Mengen an Mehl und ab und zu auch mal Hefe. Bloß: Zu Corona-Zeiten scheinen plötzlich alle (zumindest Stuttgarter) zu backen. Jedenfalls scheint Mehl in ganz Stuttgart ausverkauft zu sein. Wie wär´s also mit einem Spontanbesuch in der Mühle Denkendorf? Kurz die Bäcker-Freunde angerufen, Bestellungen aufgenommen, Akku beim Lastenrad geladen und los geht´s. Einfach sind es 19 km zur Mühle, ein schöner Ausflug mit einem sehr sinnhaften Ziel. Am nächsten Tag werden die Bestellungen freilich in den Stuttgarter Westen ausgeliefert.


3. Türöffner & Herzensbrecher

Während unserer Zeit als Lastenradnutzer ist uns aufgefallen, dass wir als von den anderen Verkehrsteilnehmern weitestgehend sehr, sehr wohlwollend aufgenommen wurden. Okay, zugegeben: Die Corona-Zeit spiegelt bei Weitem nicht die normale Verkehrssituation in und um Stuttgart wieder. Im Gegenteil: Es herrscht ein fahrradfreundlicher Ausnahmezustand! Die Fahrspuren sind frei, die Luft rein und es macht einfach Spaß mit dem (Lasten-)Rad durch die Stadt zu fahren. Genau in dieser Zeit bekommen Pro-Fahrrad-Initiativen deutlich mehr Gehör und es wird tatsächlich die ein oder andere Pop-Up Bike Lane in Stuttgart aus dem Boden gestampft. Das freut uns als Radfahrer natürlich außerordentlich und wir sind natürlich auch bei diesen Events dabei.

Der “daily smile” auf dem Lastenrad. Das Lastenrad als Kommunikationsinstrument? Irgendwie schon!

Worauf wir eigentlich raus wollten: Uns fällt auf, dass wir als Lastenradfahrer sehr, sehr viel positives Feedback im Sinne von wohlwollenden, respektvollen Blicken, neugierigem Hinterherschauen, ehrlichem Lächeln, etc. erhaschen. Nicht selten kommt es vor, dass wir zum Beispiel an der Ampel angesprochen werden: “Ach, das ist ja toll. Da paßt ja ganz schön viel rein!”

Manchmal endet so ein Gespräch auch in der längeren Unterhaltung bis hin zur ausführlichen Beratung. Aufgrund der Tatsache, dass wir unsere beiden Lastenräder mehrmals pro Tag aus der Garage bewegen und im Viertel damit sehr präsent sind, wächst insbesondere in der direkten Nachbarschaft das Interesse an einem Lastenrad. Mit unseren Nachbarn in der Straße entwicklen wir sogar die Idee, uns ein Lastenrad für die Nachbarschaft anzuschaffen. Alles noch sehr unkonkret, doch das kann sich ja schnell ändern…


Unsere Erkenntnisse kurz & bündig

Irgendwie sucht man immer einen Grund mit dem Lastenrad fahren zu müssen,…

  • Ein Lastenrad ist die perfekte Alternative zum Auto im urbanen Raum.
    Man ist damit schneller und stressfreier unterwegs.
  • Wir würden auf jeden Fall ein Elektro-Lastenrad wählen. Mit der sanften Unterstützung des Motors zieht man auch vollbeladen jeden Berg hoch.
  • 70-80 km Reichweite waren auch mit Zuladung absolut realistisch. Meistens fährt man ja einen Weg leer und einen Weg voll, d.h. die Herstellerangaben kommen sehr gut hin.
  • Im Durchschnitt legten wir täglich 2-3 Mal Kurz-Distanzen im 5 km-Radius zurück: Supermarkt, Wochenmarkt, Post, Getränkehändler und transportierten alles, was groß, schwer und sperrig war. Und eben alles, was in Packtaschen oder Rucksack nicht geht und man dafür sonst gerne mal das Auto nutzt.
  • Parken? Im innerstädtischen Verkehr und täglichen Gebrauch stellt sich die Parkplatzfrage zumindest unterwegs nicht mehr.
  • Abstellplatz zu Hause: Idealerweise hat man eine Garage für das Lastenrad, auch um es vor der Witterung zu schützen.
  • Ein gutes Schloß ist unerlässlich.
  • Praktisch wäre zusätzlich zur offenen Kiste oder freien Ladefläche eine wasserdichte, abschließbare Box. So kann man die Einkäufe auch im Lastenrad lassen, wenn man in einn weiteres Geschäft geht.

Fazit

Wir sind begeistert!
Ein Lastenrad wird definitv unser nächstes Fahrrad werden. Während der 40 Tage haben wir die Vorzüge eines Cargo Bikes richtig kennengelernt. Einkaufen wurde plötzlich beliebt, die Frage nach einem Parkplatz stellt sich nicht mehr, man gehört zu den Guten, man spürt förmlich, dass sich gerade was tut und die Leute an dem Thema sehr interessiert sind. Am Stau vorbei mit einem Lächeln im Gesicht!

Weiterführende Informationen

Du möchtest ein Lastenrad mal ausprobieren?
Lastenrad Stuttgart – Lastenradverleih auf Spendenbasis

Du möchtest mehr Informationen über die vorgestellten Räder?
Bullitt-Bike.de – Hersteller Bullitt Lastenrad mit Pinion Getriebeschaltung
Velofactur – Hersteller gewerblich genutzter Lastenräder

Du möchtest Dich in Stuttgart rund ums Fahrrad engagieren?
Critical Mass – Fahrraddemo, jeden ersten Freitag im Monat
Zweirat Stuttgart – Alternatives Radforum
Radentscheid Stuttgart – Initiative für eine fahrradfreundliche Stadt
Bike Bridge Stuttgart – Fahrtechnikkurse für Flüchtlinge