3 Tage Schwäbische Alb: Graveln, Geschichte und Genuss

Dass das Gute so nah liegt und man nicht unbedingt in die Ferne schweifen muss, hatten wir definitv schon vor dem Beginn der Corona-Phase raus. Der Name unseres Blogs, „weltweit draußen“, mag zwar vermuten lassen, dass wir uns ganz viel in aller Herren Länder herumtreiben, nur nicht im eigenen Bundesland, doch weit gefehlt: unser ganz persönliches „weltweit draußen“ beginnt genau vor unserer Haustür, wo es jeden Tag und bei jedem Wetter so viel Wunderbares zu entdecken gibt, wenn man nur Augen und Geist offenhält.

Praktisch: Von Stuttgart aus erreichen wir unser Ziel Rottenburg unkompliziert in einer Stunde mit dem Zug. Auch andere Teile der Region Schwäbische Alb lassen sich gut mit dem ÖPNV erreichen. In den Regionalbahnen ist kein extra Fahrradticket erforderlich.

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Schwäbische Alb All-Inclusive: AlbCard

Seit Sommer 2020 gibt es die AlbCard, eine Gästekarte für die gesamte Region Schwäbische Alb. Bereits ab einer Übernachtung kann man damit Bus & Bahn kostenlos nutzen und erhält gratis Eintritt in 130 Sehenswürdigkeiten, Erlebnisse und Attraktionen.
Mehr Informationen.


1. Tag: SUP, Kultur und Kulinarik in Rottenburg

Unsere Basisstation für die 3-tägige Erkundung der Region Neckar-Alb bildet die Römer- und Bischofsstadt Rottenburg am Neckar. Rottenburg liegt am Übergang des Neckars aus dem engen Tal des Oberen Gäus in ein weites Tal zwischen den Höhen des Schönbuch-Naturparks im Norden und dem Rammert im Süden. Wir befinden uns am äußeren, nordwestlichen Rand der Schwäbischen Alb, sozusagen im Albvorland. Dass es hier nicht weniger hügelig als auf den Höhen der Schwäbischen Alb zugeht, erahnen wir, als wir unseren Blick schweifen lassen. Die markante Silhouette des Albtraufs haben wir von hier stets im Visier – das sieht nach einer vielversprechenden Rad-Topographie aus! Ein Wochenende voller sportlicher, kulinarischer und ästhetischer Erlebnisse stand uns bevor.

Bei ihren sage und schreibe 17 Stadtteilen gewinnt man den Eindruck, dass Rottenburg regelrecht umgarnt wird von den umliegenden Orten. Vermutlich sind sie einfach allesamt gern Teil einer solchen geschichtsträchtigen und schönen Stadt.

Zur Entstehung Rottenburgs

Rottenburg zählt zu den ältesten Siedlungsplätzen Baden-Württembergs überhaupt.
Unter römischer Herrschaft trägt die Ansiedlung noch ihren keltischen Namen Sumelocenna. Auf den Ruinen der römischen Siedlung entsteht im späten 13. Jahrhundert die mitteralterliche Stadt Rottenburg. Aus Geldmangel wird die gesamte Grafschaft 100 Jahre später an Herzog Leopold III. von Österreich verkauft, womit Rottenburg 425 Jahre lang zum Habsburgischen Reich und damit zu Vorderösterreich gehört. Im 14. und 15. Jh. erlebt Rottenburg in vielen Bereichen eine Blütezeit. Der Weinbau ist in vollem Gange, und über die Donau gelangt Rottenburger Wein bis nach Wien. Während der Reformation verteidigt Österreich den alten Glauben mit drakonischen Maßnahmen. Das erklärt, weshalb Rottenburg heute katholisch ist, während die umliegenden Gemeinden evangelisch geprägt sind. Die enge historische Verbindung zwischen Rottenburg und Frankreich hat ihren Ursprung übrigens u.a. in den Geschehnissen Ende des 18. Jh.: Nach dem Sturm der Bastille aus Frankreich geflohene Adlige beziehen in Rottenburg Quartier und bringen Glanz und Lebensart in die bürgerliche Stadt. Zeitweise kommt jeder vierte Stadtbewohner aus Frankreich. 1806 muss Österreich nach den Siegen Napoleons das Gebiet schließlich an Württemberg abgeben.



SUP-Tour auf dem Neckar

Den Auftakt sollte eine Aktivität bilden, die für den Herbst zunächst einmal etwas ungewohnt anmutet: eine SUP-Tour auf dem Neckar. Auf Stand-Up-Paddle-Boards (kurz: SUP) cruisen wir den Neckar auf und ab, als befänden wir uns vor Bali inmitten des Indischen Ozeans statt in einer schwäbischen Mittelstadt.

Die besondere Stimmung und das Licht auf dem Neckar verleihen unserem Einstieg ins Wochenende etwas Mystisches und einen gewissen Zauber, der Begriff „SUP-Kultur“ bekommt hier plötzlich eine ganz andere Bedeutung.


Unsere SUP-Eindrücke in Form einer kleinen Kopfkinoschau

Flussabwärts – Hui, ein Windhauch – Josef-Eberle-Brücke – ufernahe, teilverwilderte, romantische Gärten am rechten Neckarufer – Steh ich eigentlich gerade oder wirkt das total verkrampft? – ins Wasser hineinragende Weiden – Schatten der Weiden – die Sonne steht tief – unter Wasser liegende Baumstämme – Schau nicht zu sehr nach unten, sonst… – Feierabend-Spaziergänger fangen die letzten warmen Sonnenstrahlen dieses frühherbstlichen Tages ein – SUP-Drehversuche in Richtung der Oberen Brücke – elegant und weniger elegant – Halt dich gut fest! – Gassigänger – Paare verabreden sich zum Feierabend an einer Bank – Kirchenglocken läuten – Laufräder mit flinken, kurzen Beinchen rollen über die Fußgängerbrücke – besonderes Licht an diesem spätnachmittäglichen Freitag – Wind – ich fall gleich, oooooh…. nochmal gut gegangen!

Die SUP-Tour unternehmen wir übrigens auf eigene Faust. Passend zur aktuellen Pandemie-Phase erfolgt die Buchung der SUP-Boards komplett kontaktlos per Smartphone über den Anbieter Kolula. Weder App noch Registrierung sind dafür nötig. Über einen Bestätigungslink, der direkt nach der Buchung per Mail eintrifft, öffnet man vor Ort das Schließfach übers Handy, nimmt sich Board, wasserdichten Sack und Paddel heraus, verstaut seine Wertsachen im Schließfach, und ab geht’s aufs Wasser! Unbedingt dabei haben – am besten im wasserdichten Sack – sollte man das Handy, da man es später zur erneuten Öffnung des Schließfachs wieder benötigt. Wichtig: Es gibt kein Personal vor Ort. Mehr Informationen.

Das Stand-up-Paddeln eröffnet ganz neue Perspektiven und bietet vielleicht die direkteste Art und Weise, den Fluss zu erleben, der als fester Bestandteil des Namens der Stadt Rottenburg am Neckar schon seit jeher Teil ihrer Geschichte und daher fest mit dieser verwoben ist.


Passend dazu erfahren wir im Anschluss an die SUP-Session auf einem äußerst kurzweiligen Stadtspaziergang einige interessante Details über die Geschichte von Rottenburg:

Die öffentliche Toilettenanlage Publica Latrina Romana

Zu den größten Errungenschaften und eindrucksvollsten archäologischen Funden aus der römischen Vergangenheit zählt die sog. Publica Latrina Romana. Ohja, genau das, was ihr jetzt alle denkt: eine öffentliche Toilettenanlage! Mehr noch: Bei dem in Rottenburg im Jahre 1986 im Rahmen einer Baustelle zu Tage geförderten Exemplar handelt es sich um nichts weniger als die größte römische Latrine nördlich der Alpen. 32 Meter lang, mit Platz für bis zu 35 Menschen. Im Gegensatz zu heute konnte man damals allerdings wohl kaum von einem „stillen Örtchen“ sprechen, vielmehr hatte der Toilettenausflug etwas von einem gesellschaftlichen Event: Während sie „geschäftig“ auf der langen Holzbank saßen, unterhielten sich die Römerinnen und Römer oder spielten nebenher, besonders beliebt war eine Art einfaches Mühlespiel.

Die Adresse Schloss 1, und was sich dahinter verbirgt

Nobel untergebracht sind in Rottenburg paradoxerweise Leute, die mit ziemlich unehrenvollen Dingen von sich reden gemacht haben. Lautet die Adresse der Justizvollzugsanstalt in Rottenburg doch ausgerechnet Schloss 1, da diese an prominenter Position und tatsächlich in den Gemäuern des früheren Schlosses untergebracht ist.
Wobei die Adresse heute eher im Sinne von „hinter Schloss und Riegel“ zu verstehen ist.

Zwei bedeutende Söhne der Stadt Rottenburg

1901 erblickt der Schriftsteller und Dichter Josef Eberle hier das Licht der Welt. Bekannt als Gründer der Stuttgarter Zeitung, hat er sich unter seinem Künstlernamen Sebastian Blau dank zahlreicher feinsinniger Gedichte in lateinischer, hochdeutscher und schwäbischer Sprache einen großen Namen gemacht und beglückt uns heute entlang der Neckarpromenade in Form von Gedichttafeln.

Des Weiteren ist Rottenburg die Geburtsstadt von Eugen Bolz, dem ehem. Staatspräsident des Volksstaates Württemberg und späteren aktiven Unterstützer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

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Unsere Einkehr-Tipps in Rottenburg

Café Bretelles
Süßes, französisches (Frühstücks-) Café mit angeschlossenem Ladengeschäft. Hier gibt´s ausgewählte Tee- & Kaffeespezialitäten, selbstgebackene Tartes und Kuchen, aber auch herzhafte Quiches, belegte Baguettes, feine Salate und Köstlichkeiten, die allesamt mit jedem noch so kleinen Krümel ihre französische Herkunft herausposaunen.
Auch das Mobilar kann viele Geschichten erzählen: so dient als Eckbank eine alte Kirchenbank aus Wendelsheim. Sehr zu empfehlen!

Weinhaus Stanis
Traditionelle Weinstube – klein, heimelig & gemütlich.
Mama Dunja und Tochter Federica führen die Weinstube mit sehr viel Herzblut. Hier wird kredenzt, was selbst überzeugt, und das sind ausgelesene Weine (bevorzugt) aus der Region, leckere Flammkuchen und schwäbische Brotzeit. Tipp: Für geschlossene Gesellschaften kann man das Weinhaus auch mieten. Hierfür gibt´s dann auch mal was Individuelles, wie z.B. Schweizer Käsefondue.

Uns hat die sympathische Stadt Rottenburg am Neckar sofort in ihren Bann gezogen, und wenn es nach uns geht, ist die so idyllisch am Rande der Schwäbischen Alb gelegene, wuselige Römer-Bischofs-Hochschul-Sport-und Fairtrade-Stadt in jedem Fall einen Besuch wert, selbst wenn sie nicht zufällig der Knotenpunkt der beiden Schlösser- und Burgen-Radtouren wäre, die uns hierher geführt haben.

Übernachten in Rottenburg

Hotel Martinshof
Gepflegtes 3-Sterne-Hotel im Zentrum Rottenburgs mit hervorragender Küche und tollem Service. Das Frühstücksbuffet ist reichhaltig und lässt keine Wünsche offen, wenn man den ganzen Tag draußen unterwegs ist!

Gästehaus Am linken Ufer
Das Gästehaus befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle am Ortsausgang von Rottenburg. Insgesamt stehen hier 3 Gästezimmer und 5 Appartments zur Verfügung, die allesamt von Frau Blaumann 2019 liebevoll renoviert und individuell eingerichtet wurden. Frühstücksbuffet inklusive!


2. Tag Durchs Neckartal mit dem Gravelbike

Heute steht die Burgen-& Schlösser Tour I Neckartal auf dem Programm. Ab Rottenburg geht´s im Uhrzeigensinn über Weiler, Hemmendorf und Starzach bis Börstingen, und von dort durch das Neckartal zurück bis Rottenburg. Auf der 46 km langen Tour liegen sage und schreibe 9 Burgen und Schlösser – der Name ist also Programm!

  • Rundtour mit Start & Ziel in Rottenburg
  • Streckenlänge: 46 Kilometer I Anstieg: 634 Höhenmeter
  • Dauer: 3,5 – 4 Stunden

Mehr Informationen zur Burgen- und Schlössertour I Neckartal sowie die GPS-Daten zum Download gibt´s hier:

Einladend blinzelt uns an diesem Morgen die Sonne entgegen. Nach dem wunderbar reichhaltigen und gesunden Frühstück im Hotel können wir es kaum erwarten, die soeben aufgenommenen Kalorien wieder zu verbrennen. Wir packen noch das Nötigste zusammen, verstauen eine extra Lage Klamotten in den Packtaschen und dann geht´s auch schon los. Kaum eingefahren, wartet nach ca. 6 km schon eines der Highlights der Tour auf uns: die Weiler Burg mit ihrem markanten Aussichtsturm. Auch wenn sich aus meinem Inneren eine zarte, leise Stimme meldet, die moniert „dass man nach so kurzer Zeit ja wohl kaum schon anhalten könne”, setzt Berna sich an dieser Stelle durch und biegt einfach links ab. Der Abstecher bedeutet etwa 3 km und 80 hm zusätzlich. Die Weiler Burg ist zudem mit 532 m der höchste Punkt der Tour und damit im Gegensatz zu manch anderen Monumenten, die diese Tour säumen, ziemlich schwer zu übersehen.

Oben ist mehr los als erwartet: Einige Familien, aber auch Wanderer, haben sich bereits hierher verirrt. In der Grillstelle lodert ein großes Feuer, und wir erfahren, dass hier oben der örtliche Albverein an Wochenenden bei gutem Wetter „rote Würscht” zum Selbergrillen und Getränke anbietet. Vom Dorf aus könne man das daran erkennen, dass die Fahne am Aussichtsturm gehisst ist und weht. Coole Sache, hätten wir nicht gerade erst gefrühstückt,…

Die nächsten ca. 10 km geht es ohne nennenswerte Steigungen so dahin. Immer wieder genießen wir die Ausblicke auf das Neckartal und den Albtrauf und kommen super voran. Zur Freude Andreas, denn Bernadette ist eine Geschichts-und Kulturliebhaberin und würde am liebsten alle 9 Burgen und Schlösser ausführlichst begehen. Allein beim Gedanken daran, wird Andrea schon ganz unruhig, denn sie möchte aufs Rad und nicht dauernd anhalten. Wir entscheiden uns für einen Kompromiss: An 3 der 9 Wahrzeichen halten wir an.

Unsere Gravelbikes erweisen sich übrigens als sehr gute Wahl für die Tour. Waldboden und asphaltierte Wegabschnitte wechseln sich immer wieder ab. Zudem ist die Tour gespickt mit knackigen Anstiegen und rasanten Abfahrten. Ein Mountainbike wäre hier etwas zu viel des Guten, bei einem Rennrad hätten wir aufgrund der dünnen und unprofilierten Reifen wenig Spaß. Auch die Übersetzung an unseren Bikes erweist sich als ganz gut. Naja, sagen wir: fast gut – für Andreas Bike ist das nämlich die Feuertaufe. Ziemlich bald schon stellt sich heraus, dass die 1×11-Schaltgruppe mit einem 42er-Kettenblatt doch eher sehr ambitioniert gewählt ist und die bis zu 18% steilen Anstiege die Waden brennen lassen.
Unseren nächsten Burgen-Stopp legen wir nach ca. 17 km ein. Das Schloss Wachendorf liegt inmitten des Ortskerns des Starzacher Ortsteils Wachendorf. Das Schloss ist in Familienbesitz und kann nicht besichtigt werden. Ein bisschen neugierig sind wir dennoch. Wir schieben unsere Räder durch den weitläufigen Hof, gehen einmal rundum und begutachten den gepflegten Schlossgarten samt seiner Quittenbäume mit ihrem betörenden Duft, die kleine Kirche und die Nebengebäude.

Noch gute 10 km und ein weiterer Anstieg trennen uns vom Schloss Weitenburg. Schon von Weitem sichtbar, empfinden wir die letzten paar Hundert Meter zur Residenz der Familie Raßler von Gamerschwang dennoch als erstaunlich wenig anstrengend. Wissen wir doch, dass uns oben eine noble Pausenstation erwartet: Im Vorfeld hatten wir erfahren, dass dort eine „Afternoon Tea Time” nach englischem Vorbild angeboten wird. Etwas kitschig mutet das ja schon an, doch wann hat man schon mal die Gelegenheit, auf einem richtigen Schloss Tee serviert zu bekommen?

Ein grauer, windig-kühler Himmel begrüßt uns, als wir uns dem Innenhof des Schlosses nähern. Könnte er sprechen, würde er zu uns sagen: „Husch Husch, herein in die gute Stube!“

Doch geduldig harren wir dem aufziehenden Wind, einzelnen Regentröpfchen und nutzen den leeren Hof, durch den man das Küchenpersonal lachen und miteinander schäkern hört, als willkommene Kulisse für ein paar Fotos.

Afternoon Tea Time im Schloss Weitenburg

Als wir den Hof tatsächlich irgendwann hinter uns lassen und die kühlen Herbst-temperaturen gegen eine wohlig-warme, nicht weniger elegante Wohnzimmeratmosphäre eintauschen, spüren wir sofort, was es bedeutet, wenn ein Schloss nicht nur als ehemals nobles Gemäuer sein Dasein fristet und höchstens von Getier durchkrochen und vom Denkmalamt geschützt, sondern bewohnt und tagtäglich genutzt wird.

Weitenburg macht es – da lehne ich mich mindestens metaphorisch aus dem Fenster – auch dem größten Kulturbanausen leicht, sich in einem Schloss wohl und heimelig zu fühlen. Als uns eine freundliche Dame mit Schürze in einen Salon mit großen runden Tischen und einer kompletten Fensterfront geleitet, die unsere Blicke sofort gefangen nimmt und in Richtung eines eleganten Landschaftsparks mit uraltem Baumbestand führt, kehrt beim Anblick des in den schönsten Herbstfarben unter uns erstrahlenden Neckartals tiefe Entspannung in uns ein, die jede Anstrengung vergessen macht. Wie ein Vorland der Alb mutet die steil abfallende, ausladende Landschaft, auf die wir herunterblicken, eher nicht an; vielmehr fühlen wir uns mittendrin im Mittelgebirge.
Bald schon wird uns zum Auftakt der Tea Time ein Gläschen Sekt serviert.

Unsere Augen staunen nicht schlecht, als uns kurz darauf der Baron Max-Richard (Freiherr) Raßler von Gamerschwang sogar persönlich die Ehre erweist. Und ehe wir Sekt, Baron und Ausblick „verdaut“ haben, kredenzt die warmherzige Dame uns auf einer 3-stöckigen Étagère auch schon die herrlichsten Leckereien.

Der Inhalt der sich vor uns aufbauenden Étagère stellt unsere kühnsten Erwartungen in den Schatten: neben Fingersandwiches mit Gemüse und Käse (bzw. nicht vegetarisch mit Schinken und Lachs) in der unteren Étage ist die mittlere Ebene mit Scones bestückt, welche wir wahlweise mit Butter, Crème double oder herrlichsten Fruchtmarmeladen genießen. Damit nicht genug: die obere Étage wartet mit einem üppigen Blaubeermuffin und zu guter Letzt noch allerdeliziöstesten Mini-Éclairs auf. Auch wenn es schlicht unmöglich ist, den gesamten Inhalt der Étagère zu verspeisen, wollen wir doch wenigstens von allem einmal probieren.

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Afternoon Tea Time Schloss Weitenburg

Ein ganz besonderes Erlebnis und ein grenzenloser Genuss ist die Tea Time auf dem Schloss Weitenburg. Bei Sekt, auserlesenem Tee und einer ganzen Étagère voller königlicher Köstlichkeiten kommen wir uns vor, als säßen wir direkt bei Queen Elizabeth im Wohnzimmer.
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Nach unserer feudalen Fahrtunterbrechung sind es noch rund 15 km bis zu unserem Ausgangspunkt Rottenburg. Der Weg führt flott bergab durch das schöne Rommelstal. Die Landschaft ändert sich plötzlich. Wir folgen einem Bachlauf, es ist wunderbar grün, fast schon wildromatisch. Bald rollen wir gemütlich in Rottenburg ein.


3. Tag Schönbuch-Gravel & Tübingen

Schönbuch – Allein der Name macht schon Lust auf Mehr!
In unserem Kopfkino öffnet sich sofort ein Fenster mit Blick auf ein reich orniertes, unglaublich wertvolles Buch, mit Blättern aus dem schönsten farbenfrohen Herbstlaub in blassgrün über sattgelb bis blutrot. Mit sieben Siegeln, wenn man sich nicht aufmacht, die Region näher zu erkunden. Doch genau das ist unser Plan: die Erkundung dieses Mikrokosmos inmitten des Makrokosmos Schwäbische Alb.

Für heute haben wir uns die Burgen-& Schlösser Tour I Schönbuch ausgesucht. Sie führt uns zunächst nach Tübingen, dann in den Schönbuch, und über das Ammertal zurück nach Rottenburg. Alles in allem kommen hier rund 70 km und 700 hm zusammen. Gelegenheit für zahlreiche Zwischenstopps kultureller Natur bieten 9 Burgen und Schlösser.

  • Rundtour mit Start & Ziel in Rottenburg
  • Streckenlänge: 70 Kilometer I Anstieg: 692 Höhenmeter
  • Dauer: 5,5 – 6 Stunden

Mehr Informationen zur Burgen- und Schlössertour I Schönbuch und die GPS-Daten zum Download gibt´s hier

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Naturpark Schönbuch

Der Schönbuch liegt zwischen Herrenberg, Stuttgart und Tübingen und wurde 1972 zum ersten Naturpark Baden-Württembergs ernannt. Seine dichten Wälder, Moorgebiete, Bäche und Stillgewässer, Streuobstwiesen und Weinberge bieten auf einer Fläche von 156 Quadratkilometern zahlreichen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum.
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Die ersten 20 km eignen sich hervorragend zum Einrollen. Den roten Burgen- & Schlössertour-Schildern folgend, verlassen wir Rottenburg auf dem Radweg in Richtung Tübingen. Etwas kühl ist es noch an diesem Oktobermorgen, der Nebel liegt im Tal. Um warm zu werden und auch, weil wir heute 70 km vor uns haben, entscheiden wir uns, erstmal etwas Strecke zu machen.

Bemerkenswert ist übrigens die fahrradfreundliche Wegführung durch Tübingen. Als Stuttgarterinnen sind wir durchgehende Radwege mit entsprechender Kennzeichnung einfach nicht gewohnt. Umso mehr staunen wir über die vorbildlich angelegten Fahrradstreifen durch die Stadt. Und an diesem Sonntagmorgen sind hier richtig viele Leute auf dem Fahrrad unterwegs – das gefällt uns!

Obwohl unser Plan eigentlich keinen Stopp vorsieht, können wir nicht anders, als diesem verführerischen Duft von frischgebackenen Zimtschnecken, der da gerade ums Eck weht, zu folgen. Schuld an unserem ersten Stopp ist das Café Willi in Tübingen. Weil die Zimtschnecken noch im Ofen sind, begnügen wir uns mit einem herrlich saftigen Stück Mohn-Nusskuchen.

Tübingen, die grüne und junge Universitätsstadt

Diese Stadt gefällt im Gegensatz zu anderen Städten wie z. B. Stuttgart (Als Stuttgarterinnen dürfen wir das schreiben), den meisten Ankommenden gleich auf den ersten Blick. Kein Wunder, denkt so mancher beim Anblick der in sanftes Licht gehüllten oder gar in der Sonne erstrahlenden Neckarfront mit geschmackvoller Blumendeko, Hölderlinturm, Stocherkähnen und Stiftskirche doch eher an Italien oder Frankreich und schwelgt in Urlaubserinnerungen. Hier befindet sich der geographische Landesmittelpunkt von Baden-Württemberg.

Dass alt durchaus jung anzieht, findet man in Tübingen bestätigt: u.a. dank ihrer angesehenen und einer der ältesten deutschen Universitäten ist fast jeder dritte Einwohner Tübingens ein Student. Was Tübingen mit einem Durchschnittsalter von ca. 39 Jahren den Rang der jüngsten deutschen Stadt einbringt.

Das Stadtbild der Radverkehrsstadt wurde stark von französischen Soldaten und Siedlern geprägt, so kommt der Name des Französischen Viertels nicht von ungefähr.
Bei einem Bummel durch die Altstadt mit ihren zahlreichen romantischen, engen Gässchen und den vielen Fachwerkhäusern spitzelt der französische Einfluss auch heute noch aus der kleinsten Ritze.

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Unsere Einkehr-Tipps in Tübingen

Café Willi
Süßes (Studenten-) Café unweit der Tübinger Altstadt. Hier gibt´s ausgezeichneten Kaffee sowie selbstgemachte Kuchen und wunderbar fluffige Zimtschnecken.
Auf jeden Fall einen Besuch wert!

Taverne Olive
Kleines, feines griechisches Restaurant inmitten der Altstadt. Die Taverne bietet eine große Auswahl an kalten und warmen Vorspeisen (auch vegetarisch) sowie Fleisch- & Fischgerichte. Alles wird frisch zubereitet und ist überaus lecker.
Eine gute Adresse nach einem intensiven Tag auf dem Rad. Reservierung empfohlen!

Kurz nach unserem Stopp in Tübingen erreichen wir den Kirchentellinsfurter Baggersee. Hier ist erst mal Schluss mit lustig: Unser GPS-Gerät zeigt einen tiefroten Anstieg mit bis zu 16% Steigung auf 2,5 km an. Zwei ältere Herrschaften auf E-Bikes rollen frohgemut und fröhlich grüßend an uns vorbei. War da sowas wie Mitleid in ihren Blicken zu erkennen?

Die Bergfahrt bis nach Einsiedel ist zwar nicht sehr lang, dafür aber vor allem im ersten Abschnitt sehr steil. Einmal mehr holt mich meine 1×11-Übersetzung auf den harten Boden der Tatsachen. Wir sind ja nicht untrainiert und fahren schon seit über 20 Jahren ziemlich viel Rad, dieses Jahr sind sicher schon 5.000 km zusammengekommen. Aber: Ein 42er-Kettenblatt vorn in Kombination mit einer 11/42-Kassette ist nichts für uns. Jedenfalls bringt mich dieser Anstieg fast um den Verstand. Grundsätzlich macht es uns ja wirklich Spaß, Berge hochzufahren. Wenn die Übersetzung passt… Doch genug gejammert! Nur eins noch:

Noch nie habe ich so dermaßen deutlich am eigenen Leib erfahren, was die richtige Übersetzung am Rad ausmacht. Sie entscheidet zwischen Liebe oder Leiden!

Ab Einsiedel geht es für die nächsten 10 km zunächst relativ flach dahin. Hier oben befindet sich übrigens auch das Tor zum Naturpark Schönbuch, und dieser zeigt sich kurz hinter Einsiedel auch schon von seiner besten Seite. Von goldgelb über orange bis hin zu dunkelrot leuchten die Blätter an den Bäumen im Kirnbachtal, auf dem Boden liegt schon einiges Laub, es duftet wunderbar herbstlich, und wir spüren eine angenehme Mischung aus spätsommerlicher Wärme und erfrischender Kühle. An Tagen wie diesen wissen wir, warum wir den Herbst so lieben. Die nächsten 6 km lassen wir es zügig laufen, bis zum Kloster Bebenhausen geht es bergab.

Das heute zu großen Teilen noch erhaltene mittelalterliche Zisterzienserkloster liegt strategisch günstig. Wir haben hier etwas mehr als die Hälfte unserer Tour hinter uns, passend dazu verwöhnt uns der Sonntagmittag mit herrlicher Herbstsonne, sodass ein Picknick im sonnenbeschienenen Innenhof vorprogrammiert ist und sich eine anschließende Foto-Session vor der ehrwürdigen Kulisse anbietet.

Wie sich herausstellt, sind wir mit dieser Idee nicht alleine. Als hätten alle geahnt, dass das Kloster nur eine Woche später wegen des neuen Corona-Lock-Downs für mindestens 4 Wochen geschlossen bleiben würde.

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Kloster und Schloss Bebenhausen


Das heute zu großen Teilen noch gut erhaltene evangelische Kloster mit Schloss wurde 1806 säkularisiert und wegen seiner günstigen Lage direkt an einem ausgedehnten Wald- und Jagdgebiet kurzerhand zu einem Jagdschloss umfunktioniert. Traurige Berühmtheit erlangte der Ort für das am 9. November 1812 von
König Friedrich I. veranstaltete
prunkvolle Jagdfest, dem sog. „Dianenfest“, das eine beispiellose Bühne für Tierquälerei bot und bei dem insgesamt 823 Tiere und ein Förster ihr Leben ließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Bebenhausen Landtag und Landesverfassung des Landes Württemberg-Hohenzollern begründet. Bebenhausen ist übrigens der Einwohnerzahl nach der kleinste, der Fläche nach aber der größte Stadtteil Tübingens.
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Vom Kloster Bebenhausen zieht sich der Weg anfänglich am Goldersbach entlang und dann mit mäßiger Steigung bergan bis zur Königlichen Jagdhütte. Diese steht, wie kann´s auch anders sein, auf einem Hügel und markiert mit 536 m den höchsten Punkt der Tour. Der Blick ins Neckar- und Ammertal von hier oben ist atemberaubend! In der Ferne erahnen wir die Umrisse der Burg Hohenzollern, einem weiteren Relikt der Geschichte. Inzwischen ist es nach 15 Uhr, die Uhr wurde in der Nacht zuvor auf Winterzeit umgestellt, und die tiefstehende Sonne lässt die Landschaft besonders sanft erscheinen. Es wirkt ein bisschen so, als hätte man das Panorama mit einem Weichzeichnungsfilter bearbeitet.

Wenig später erreichen wir schon das Schloss Hohenentringen. Auch hier bietet sich wieder ein wunderbarer Blick aufs Ammertal. Sehr einladend ist der gut besuchte Biergarten. Neben diversen Kuchen gibt es hier auch lecker duftende Maultaschen, reichhaltige Salate und kühle Getränke. Zu gerne würden wir einkehren, doch wir haben noch ca. 20 km vor uns. Wir beschließen einstimmig, dem Schloß Hohenentringen auf jeden Fall bald einen Besuch abzustatten.

Im weiteren Verlauf genießen wir immer wieder die fantastischen Ausblicke auf das Ammertal und den Albtrauf. Übrigens begleitet uns der Blick auf die Wurmlinger Kapelle aus ganz verschiedenen Himmelsrichtungen schon den ganzen Tag. Selbstbewusst trohnt die kleine Kapelle auf dem 473 m hohen Kapellenberg. Hätten wir nicht die Zeit und die damit verbundene einkehrende Dunkelheit im Nacken, würden wir diesen kleinen Abstecher zur Kapelle auf jeden Fall machen. Denn auch von dort ist die Aussicht sicher einzigartig.

Für unsere Begriffe befinden wir uns schon die ganze Zeit in einem großartigen Fototapeten-Landschaftskino. Der Blockbuster wird mit sanften Hügeln eröffnet, Spannung erzeugten die knackigen Anstiege und rasanten Abfahrten im farbenfrohen Herbstwald. Quirlig plätschernde Bächlein, goldener Blätterregen, immer wieder blitzen Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen hervor und begleiten das dramatische Wolkenspiel. Das versöhnliche Ende läuten weite Steuobstwiesen und sanfte Bachläufe ein.

Die letzen paar Kilometer rollen wir über Feld- und Radwege zurück nach Rottenburg. Den Abend lassen wir bei einer überaus leckeren Pizza in der Trattoria Quattro Mori in Rottenburgs Altstadt ausklingen.
Beim Verfassen dieser letzter Zeilen stolpern wir ein wenig über das Wort “ausklingen”, denn damit assoziieren wir Abschied. Für uns steht fest, dass es in der Region Schwäbische Alb für uns noch ganz viel zu entdecken gibt. Das Neckartal und der Schönbuch waren nur der Anfang. Und: Unsere Gravel Bikes waren die perfekte Wahl!


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Wissenswertes zur Schwäbischen Alb

Die Region Schwäbische Alb ist ein Mittelgebirge in Baden-Württemberg und liegt zwischen Stuttgart und dem Bodensee.
Die Gesamtfläche erstreckt sich über knapp 9.400 km².
Der höchste Gipfel der Alb ist der Lemberg mit 1.015 m.

In den letzten Jahren waren wir regelmäßig auf der Schwäbischen Alb unterwegs. Schließlich ist sie das nächstgelegene Naturparadies von Stuttgart aus betrachtet. Fest steht aber: Alb ist nicht gleich Alb. Die einzelnen Regionen sind sehr verschieden. Das Bike bietet sich unserer Meinung nach perfekt an, um in kurzer Zeit einen großen Ausschnitt zu entdecken. Spaß machen allerdings auch Ein-oder Mehrtageswanderungen, oder Paddeltouren auf der Donau.
Mehr Inspiration für Outdoor Abenteuer.

Weiterführende Informationen

Informationen zu Unterkünften, Restaurants und Aktivitäten
Touristeninformation Rottenburg – Offizielle Website der WTG Rottenburg
Touristeninformation Tübingen – Offizielle Website der Stadt Tübingen
Tübinger Umwelten – Radtouren, Wanderungen & Kulturelles im Landkreis Tübingen
Schwäbische Alb Tourismus – Naturerlebnisse in der gesamten Region Schwäbische Alb

Unsere 5 Tipps für ein Wochenende in der Region Neckartal / Schönbuch
– SUP-Tour auf dem Neckar mit Kolula SUP
– Kaffee & Kuchen im Café Bretelles in Rottenburg
– Flammkuchen essen im Weinhaus Stanis in Rottenburg
– Afternoon Tea Time im Schloss Weitenburg
– Ofenwarme Zimtschnecken im Café Willi Tübingen

Tipp für Radfahrer
Beide Touren sind relativ gut mit entsprechenden Schildern gekennzeichnet. Wir waren jedoch froh, dass wir uns nicht ausschließlich darauf verlassen haben. Entspannter bzw. flüssiger läuft´s mit einem GPS-Gerät.


Fotos:
Andrea Escher und Bernadette Müller I weltweit-draussen.de
Susanne Hoffmann I STUDIO SUHO

Werbung / Kooperation
Der Artikel enthält bezahlte Werbung für unseren Kooperationspartner Schwäbische Alb Tourismus, der uns zu dieser Medienreise eingeladen hat. Unsere Meinung beeinflusst hat das nicht. Als Unterzeichner des Outdoor Blogger Codex ist es für uns selbstverständlich, dass wir authentisch berichten und transparent und unabhängig kommunizieren.